Rezension

Alex Gino: George

George

»Was ich damit sagen will, ist, dass es etwas ganz Besonderes ist, wenn man bei einem Buch weinen muss. Es zeigt, dass man sowohl Mitgefühl wie auch Phantasie hat.«

Über das Buch
Fischer | 208 Seiten | 08/2016 | Originaltitel: George  
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George ist 10 Jahre und geht in die vierte Klasse. George mag die Farbe Rosa, Mädchenzeitschriften und fühlt sich komplett unverstanden. Denn sie muss die Zeitschriften verstecken. Sie kann niemandem zeigen, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. Dabei will sie nichts lieber als das: einfach nur ein Mädchen sein. Aber wem soll sie sich anvertrauen? Und wie?


 

Meine Meinung

Ich bin zu festgefahren in meinem Denken

Als ich angefangen habe „George“ zu lesen, ist es mir schwer gefallen, den Namen George mit „sie“ zu verbinden. Es hat ein merkwürdiges Gefühl in mir ausgelöst und ich weiß nicht wo es herkam. Ich halte mich für einen sehr aufgeschlossen Menschen, der absolut nichts gegen Homosexualität oder Transgender hat. Nur der Name George ist in meinem Hirn anscheinend eindeutig als „männlich“ verbucht. Es war eine Erfahrung, die ich beim Lesen gemacht habe, die mir vor Augen geführt hat, wie festgefahren ich anscheinend in meinem Denken oftmals bin.

Sehr gut gewählter Erzählstil

Die Geschichte ist im auktorialen Erzählstil geschrieben, den ich prinzipiell eher weniger bevorzuge, hier jedoch hat es sehr gut gepasst. Durch den auktorialen Erzähler bekommt der Leser es immer wieder mit den Personalpronomen zu tun. Wodurch ich wiederholt daran erinnert wurde, dass George laut ihres Genotyps ein Junge ist, sich jedoch selbst nicht als solcher betrachtet. Wenn George ein Ich-Erzähler gewesen wäre, hätte man leicht aus den Augen verlieren können, dass sie in einem männlichen Körper steckt. Meiner Meinung nach sehr geschickt gemacht.

Die Verzweiflung eines 10 jährigen Menschen

Die ganze Zeit habe ich beim Lesen gedacht, dass George gerade einmal zehn Jahre alt ist. Zehn Jahre. Und ich habe mich gefragt, wie ich wohl reagieren würde, wenn mein hypothetisches Kind mir sagen würde, dass es sich nicht als das Geschlecht fühlt in das es hineingeboren wurde. Oder was meine Eltern wohl gesagt hätten, wenn ich ihnen als Zehnjährige erklärt hätte, dass ich das Gefühl habe, ich bin eigentlich ein Junge. Hätten sie mich überhaupt ernst genommen? Ich denke dabei an erste Verliebtheiten, die durchaus in der vierten Klasse schon beginnen. Ich habe bei mir und auch bei meinen Freunden wahrgenommen, dass man absolut nicht ernst genommen wurde. Georges Gedanken und ihre Verzweiflung sind im Buch sehr eindrucksvoll beschrieben. Einerseits will sie es aller Welt sagen und will endlich zeigen, dass sie ein Mädchen ist und andererseits weiß sie nicht wie und ich habe dabei das Gefühl gehabt, dass eben dieses nicht ernst genommen werden eine Rolle spielt.

Sei wer du bist und steh dazu!

Dieser Satz gehört definitiv in die Kategorie „Leichter gesagt als getan“, denn wie soll man das anstellen? Wie soll man die Leute davon überzeugen, dass man nicht das ist, was sie äußerlich sehen? George hat eine beste Freundin und sie vertraut sich ihr an. Sie reagiert, finde ich, wie nur Kinder reagieren können. Sie unterstützt und versteht Geroge und findet daran überhaupt nichts Lächerliches. Es war richtig herzerwärmend zu lesen, wie viel Kraft Kelly George gibt und wie sehr sie sie in ihrem Vorhaben unterstützt der Welt zu offenbaren, dass sie ein Mädchen ist. George hat großes Glück, dass es an ihrer Schule anscheinend auch Menschen gibt, die sich für Transgender und Homosexualität einsetzen, wodurch sie dort zusätzliche Unterstützung findet.

Sehr authentisch geschrieben

Desöfteren habe ich gedacht, wie ehrlich das Geschriebene bei mir ankommt und wie gut ich nachvollziehen kann wie George sich gerade fühlt. Alex Gino schreibt mit leichten Worten, aber trotzdem so, dass ich das Gefühl hatte, direkt betroffen zu sein. Noch beim Lesen habe ich mir gedacht, dass Alex Gino diese Erfahrungen wahrscheinlich selbst gemacht haben muss. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie jemand, der nicht selbst in dieser Lage war, es hätte so eindrücklich beschreiben können. Mit der Autorenvita wurde meine Vermutung bestätigt und ich finde wirklich schön, dass dieses Buch entstanden ist.

 

Fazit

Leseempfehlung

Dieses recht dünne Buch hat bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Obwohl ich erst dachte, dass ich nicht viel zu diesem Buch zu sagen habe, habe ich beim Schreiben und darüber Nachdenken erst mitbekommen wie bemerkenswert und wichtig dieses Buch ist. Ich bin mir sicher, dass es keine Geschichte für jedermann ist und ich frage mich auch, ob die Altersangabe von 10-12 Jahre passend ist, aber vielleicht rutsche ich da wieder in das Thema rein, das ich schon in der Rezension angesprochen habe. Vielleicht wird man in dem Alter viel zu oft unterschätzt. Ich möchte die Alterspanne ein wenig erweitern und sagen ab 10 Jahren, denn ich denke, dass dieses Buch jedem von uns einen neuen Blickwinkel und ein bisschen Material zum Nachdenken liefern kann.

Für welches Alter würdet ihr ein solches Buch empfehlen?
Unterschätzt man Kinder zu oft oder überfordert man sie vielleicht?

Transgender ist ein Begriff für Abweichungen von der sozialen Geschlechterrolle beziehungsweise den sozialen Geschlechtsmerkmalen (Gender).
(Wikipedia – Transgender)

11 Kommentare

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  2. Meine liebe Lotta

    Vielen Dank, dass du auf dieses Buch aufmerksam gemacht hast, ich hätte es mir wohl sonst gar nie angeschaut und jetzt ist es direkt auf meine Wunschliste gewandert.

    Ich bin damals – wie einige in unserer Generation – mit Harry Potter auf- und mitgewachsen und habe im Alter von sieben Jahren den ersten Band gelesen und dann immer weiter und weiter und fand dies angemessen, da ich selber mitgewachsen bin und somit die zunehmende Brutalität der Bücher auch verarbeiten konnte. Nun kenne ich einen Jungen, der gerade acht Jahre alt geworden ist und bereits den sechsten Band verschlungen hat und gut damit klar kommt, obwohl die Bücher schon eher brutal sind und auch nicht immer ganz einfach zu verstehen. DIe Mutter liest aber das Buch immer zuerst, damit sie Fragen beantworten und dann auch einmal bremsen kann, was ich toll finde.

    Dafür habe ich als Kind – als sehr junges Kind noch vor der Schulzeit teilweise – die Kinderpsychologie- und -psychiatriebücher aus dem Regal meiner Eltern gelesen. Da ging es oft heftig zu und her und gerade ein Buch ist mir dabei geblieben und hat mich ein Leben lang begleitet. Es war ein Erfahrungsbericht einer Psychiaterin, die sich jahrelang mit einem missbrauchten und vernachlässigten Mädchen beschäftigt hat. Zu harte Kost für mich. Aber ich konnte mit dem Lesen nicht mehr aufhören. Das Buch spukte immer in meinem Kopf umher und als Jugendliche habe ich dann in der Bücherei gesehen, dass es ein weiteres Buch dieser Psychiaterin zu genau diesem Mädchen gibt. Nach der Lektüre dieses Buches konnte ich ein wenig mit der Geschichte abschliessen.

    Erst viel später habe ich meinen Eltern davon erzählt. Ich hatte mir das Buch damals einfach aus ihrem Schlafzimmer – was so oder so tabu gewesen wäre für uns Kinder – geschnappt und in einem Zug gelesen. Was will man machen?

    Natürlich war es zu früh für mich und vielleicht sind auch gewisse Themen wirklich extrem schwierig zu verarbeiten. Es kommt aber immer auf das Interesse und die Entwicklung des Kindes an. Das Buch zum Beispiel hat mich nicht geschädigt, sondern mein Leben geprägt. Und zwar nicht ausschliesslich im negativen Sinn. Von dem her finde ich Altersangaben bei Büchern Blödsinn. Kann ein Kind nicht mit dem Inhalt des Buches umgehen, wird es überfordert oder versteht es das Gelesene nicht, legt es das Buch einfach weg, liest es, ohne sich wirklich damit zu beschäftigen oder zu erinnern oder greift gar nicht erst dazu. Die eigene Fantasie geht immer nur so weit, wie man eigenes Erlebtes, eigene Gefühle und Erfahrungen einbringen kann und wird somit ein Kind nicht überfodern. Bei Filmen hingegen, wo Kindern brutalste, unverständliche Bilder richtiggehend aufgezwungen werden, finde ich diese Angaben sehr nützlich und auch dann geht man davon aus, dass Erwachsene ja oft mit den Kindern mitschauen, auch mal Pausen einlegen und erklären.

    Phuu….langer Kommentar 🙂
    Und ich weiss gar nicht, ob die Grundaussage klar geworden ist 🙂

    Aber ja, ein Kind kann viel mehr verstehen, als Erwachsene ihm oft zumuten. Meine Erfahrung als Lehrerin und Nanny zeigt mir dies immer wieder auf. Und weisst du, was ich am schlimmsten finde? Wenn Eltern mit ihren Kindern nur in Babysprache kommunizieren. Babies sind viel zu intelligent dafür und nur weil sie sich noch nicht ausdrücken können, heisst das nicht, dass sie die Sprache an sich nicht verstehen würden. Im Gegenteil. Die Unterschätzung beginnt also leider oft schon dort und die negativen Nachwirkungen davon sind leider massiv. Da resultieren unselbstständig denkende, in ihrer sprachlichen Entwicklung oft verlangsamte oder sogar gestörte Kinder und den Salat haben dann wir Unterrichtenden in allen Fächern.

    Aber nun schweige ich und lasse es – hoffentlich – Kommentare regnen:-) , finde ich doch, dass du ein sehr wichtiges Thema ansprichst.

    Alles Liebe
    Livia

    • Liebe Livia,
      das nenne ich mal einen wirklich langen Kommentar. 😀 Aber ich freue mich sehr darüber, dass du deine Meinung hier geteilt hast. Ich kann dir in einigem Zustimmen. Zum Beispiel denke ich auch, dass man Kinder nicht unterfordern bzw. unterschätzen sollte. Andererseits bin ich nicht so ganz konform mit deiner Meinung, dass man sich nicht vorstellen kann, was man nicht erlebt hat – wenn ich dich da richtig verstanden habe.
      Auf jeden Fall sehr spannend. 😀
      Vielleicht würde dir das Buch ja auch gefallen? Ich freue mich jedenfalls, wenn du mir deine Meinung da lässt, wenn du es gelesen hast.

      Liebst, Lotta

  3. Kennst du George von den „Fünf Freunden“? Mir ist deshalb die Verbindung des Namens mit einem Mädchen nicht so schwer gefallen. 🙂
    Die Altersempfehlung ist meiner Meinung nach sehr schwer zu benennen. Meine 10jährige Tochter hatte anfangs echte Probleme mit der Geschlechtszuschreibung. Sie kam ganz aufgelöst zu mir und fragte, warum die Mutter denn nicht wisse, dass ihr Kind ein Mädchen sei. Daraufhin habe ich das Buch dann erst mal gelesen und wir haben gemeinsam darüber gesprochen. Dann fand sie das Buch auch richtig gut.
    Meine Tochter hat das Buch im Rahmen des LeseTeams unserer Buchhandlung gelesen. Ich fand es heute sehr spannend, wie die anderen Kinder und Jugendlichen das Buch beurteilen. Die Altersempfehlungen haben dabei eine sehr große Spannweite.

    • Liebe Tintenelfe

      Was für ein spannender Kommentar. Wenn ich dich richtig verstehe, war deiner Tochter von Anfang an klar, dass George ein Mädchen sein „muss“, unabhängig von ihrem biologischen Geschlecht. Sie konnte sich sogar so gut in die Protagonistin hineinversetzen, dass sie das Unverständnis der Eltern nicht nachvollziehen konnte. Einmal mehr ein Zeichen dafür, dass Kinder die Welt oft besser verstehen und vor allem auch wesentlich toleranter sind als viele Erwachsene.

      Ganz liebe Grüsse, spannend, was hier alles geschieht, vielen Dank Lotta für die Anregungen
      Livia

  4. Hallo liebe Lotta,

    wow, was für eine tolle Rezension. George steht auf meiner Wunschliste und wird da erst einmal noch bleiben, denn ich habe in der letzten Zeit viel zu viele Bücher aus dem Bereich gelesen und bin da ein wenig übersättigt. Aber deine Rezension gefällt mir so gut und ich glaube, ich kann dir da zustimmen. Nicht, was explizit George angeht sondern alles drum herum. Unsere Gesellschaft, andere Bücher mit dem gleichen Thema etc.

    Was ich jedoch glaube, nachdem ich einiges von dem Buch gehört habe ist, dass das Buch glaube ich nicht unbedingt ein Kinderbuch ist sondern eher etwas für Erwachsene. Aber ich finde auch, dass Kinder viel zu oft unterfordert werden. Sie wissen mehr als man selbst glaubt und haben oft ein anderes Verständnis von der Welt, das ihnen erlaubt Dinge leichter zu sehen, als sie für Erwachsene sind. Gerade, wenn man mal mit Kindern arbeitet, merkt man das immer wieder. Und ich glaube bei der Literatur ist das wie mit dem Sprechen lernen. Man sollte die Kinder immer ein wenig überfordern, damit sie bestmöglich lernen. 🙂

    Liebste Grüße
    Jule

  5. Hey Lotta,

    eine sehr bewegende und ausdrucksstark Rezension ist dir da gelungen! Dieses Buch wollte ich schon lesen, als ich es in der Liste der Neuerscheinungen des Fischer Verlages entdeckt habe, aber deine Buchbesprechung hat meine Neugier darauf nur noch verstärkt. Vielen lieben Dank dafür! 🙂

    Liebe Grüße
    Kathi

    • Liebe Kathi,
      ich freue mich sehr, dass dir meine Rezension gefällt. 😀 Ich war auch schon von Anfang an sehr neugierig auf das Buch und ich wurde nicht enttäuscht. George hat es echt in sich. 😀 Ich bin gespannt, wie es dir gefällt. Hast du es in der Zwischenzeit vielleicht schon gelesen? 😀

      Liebst, Lotta

  6. DIeses Buch interessiert mich auch total. Finde es auch gut, dass es im Kinder- und Jugendalter spielt und eben auch für diese Zielgruppe ist. Außerdem würde ich es begrüßen, wenn im Sexualunterricht endlich auch mal erklärt wird, dass es nicht nur Mutter und Vater gibt, sondern eben auch Vater+Vater oder Mutter+Mutter. Man muss die Kinder gleich richtig offen und mit allen Eventualität berieseln! So werden sie vielleicht von Anfang an toleranter.

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