Rezension

Catharina Junk: Auf Null

Auf Null

Wenn ich einem Touristen in Varrendorf etwas empfehlen müsste, wäre es das Kürbisbrot von Bäcker Meyer und dann so schnell wie möglich ein Zugticket nach Bremen.

Über das Buch
Wunderlich | 400 Seiten | erschienen: 08/2016  
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„Vielleicht ja, vielleicht nein. Lasst euch überraschen.“
Gesund – aber nicht geheilt. Das ist Ninas Diagnose nach überstandener Leukämie.
Für die Zwanzigjährige klingt das wie: Freu dich bloß nicht zu früh. Ohnehin hat die Krankheit alles verändert. Mit ihrer besten Freundin Bahar ist sie zerstritten, ihr Bruder ist streng gläubig geworden, und Nina würde eher einem Hütchenspieler vertrauen als ihrem eigenen Körper. Dann lernt Nina Erik kennen und ist schneller in ihn verliebt, als ihre Angst vor einem Rückfall es erlaubt. Aber wie soll Liebe funktionieren, wenn einem der Mut zum Leben fehlt?


 

Meine Meinung

Schon wieder so ein Buch über Krebs?

Genau das könnte man denken. Und ich habe diese Äußerung auch schon mehr als nur einmal gehört, aber weit gefehlt. Dieses Buch ist mehr als nur eine weitere Geschichte über ein – wie auch immer – erkranktes Mädchen. Denn Nina, die Protagonistin, ist gesund, aber nicht geheilt. Sie hatte Leukämie und wurde jetzt wieder in das Leben entlassen, das Leben nach der Krankheit. Wie geht man mit so etwas um? Was macht man aus seinem Leben? YOLO und Carpe Diem? Oder lieber Vorsicht walten lassen, damit bloß nichts passiert? Und ganz wichtig ist, bloß nicht zu viele Spuren zu hinterlassen, damit die Verwandten und Freunde nicht so traurig sind, falls man doch stirbt.

Die erste Begegnung mit Nina..

Schon gleich zu Anfang des Buches konnte Nina mich für sich gewinnen. Die Geschichte beginnt am Tag ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus. Sie ist offiziell krebsfrei und darf wieder nach Hause zu ihrer Familie. „Ab jetzt möglichst ein Leben ohne van Gogh.“ lautet der erste Satz des Buches und ich wusste genau , was sie damit meint. Nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in Altenheimen begegnet einem das Phänomen dieser Kunstdrucke. Nina hatte der Zeit ihrer Krankenhausaufenthalte immer wieder Bilder von van Gogh in ihrem Zimmer. Irgendwann will man es einfach nicht mehr sehen, da heitern einen auch keine Sonnenblumen mehr auf.

Vergangenheit und Gegenwart werden miteinander verflochten.

Die Geschichte beginnt zwei Mal. Einmal am Tag von Ninas Entlassung aus dem Krankenhaus und einmal an dem Tag, an dem sie das erste Mal ins Krankenhaus gegangen ist, weil sie etwas Beunruhigendes festgestellt hat. Die Vergangenheit und die Gegenwart wechseln sich kapitelweise ab, bis sie aufeinander treffen. Ich fand diese Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart sehr gelungen, vor allem den Moment an dem die Vergangenheit in die Gegenwart übergeht. Sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart wirkt alles absolut authentisch. Nina ist eine Protagonistin mit der viel Humor, den sie manchmal dazu nutzt, Situationen zu überspielen, die ihr unangenehm sind. Es kam mir vor, als würde ich Nina kennen, weil ich sie so gut verstanden habe.

Was kommt nach dem Krebs?

Wie viele Bücher habe ich schon gelesen, in denen ein Charakter an Krebs erkrankt ist und diese Erkrankung nicht überlebt hat? Was kommt nach dem Krebs? Was ist mit den Personen, die es schaffen den Krebs zu besiegen, ihn in Schach zu halten? Ninas Angst, dass der Krebs zurückkommen könnte blockiert sie vollkommen in ihrem Leben. Bloß keine Spuren hinterlassen. Am besten nirgendwo. Nicht materiell und vor allem in keinem Herz. Das wäre Verschwendung, wo sie doch sowieso bald stirbt. Trotz all dieser Gedanken hatte ich beim Lesen nie das Gefühl, dass Nina in Selbstmitleid versinkt oder besonders wehleidig ist. Ich konnte es nach empfinden, wie sie sich fühlen muss, wie es sich anfühlen muss mit dieser beänstigstenden Wahrscheinlichkeit zu leben, dass der Krebs zurückkehren könnte.

Ein echtes Mutmachbuch.

Ohne die Tragweite der Erkankung zu schönigen, gelingt es der Autorin authentisch und einfühlsam einen Einblick in Ninas Leben und Gefühle zu bringen. Sie zeigt auf, dass das Leben es wert ist gelebt zu werden und zwar mit allem drum und dran. Manchmal braucht man vielleicht ein bisschen Zeit und viel Mut um zu erkennen, dass es so ist, aber wenn man nichts wagt, dann hat man schon verloren. Wenn man es nie probiert, dann kann man nicht wissen wie es ist – sich zu verlieben, in den Tag hineinzuleben und auch mal etwas Verrücktes zu tun.

 

Fazit

Leseempfehlung | Lottas Lieblinge

Ninas Geschichte war für mich etwas ganz Neues. Was passiert, wenn man die fiese Krankheit überlebt? Wie macht man dort weiter und die große Frage ist: Lohnt sich das überhaupt? Ja! Natürlich! Catharina Junk hat mit Nina, ihren Freunden und ihrer Familie für mich authentische Charaktere geschaffen, die Ecken und Kanten haben und nicht immer in das Leben der anderen passen. Die Geschichte kommt vollkommen ohne Kitsch oder Übertreibungen aus und konnte mich emotional unheimlich berühren. Dies ist kein weiteres Krebsbuch. Es ist ein lebensbejahendes, ehrliches und an vielen Stellen sehr emotionales und humorvolles Buch. Von mir gibt es daher eine ganz dringende Leseempfehlung!

Welches Buch würdet ihr zur Zeit gerne einfach jedem in die Hand drücken?

Eine weitere Meinung zum Buch findet ihr hier: Goldblatt

12 Kommentare

  1. Du fragst ganz am Ende, welches Buch ich zurzeit jedem in die Hand drücken würde…. Hase… Genau über das Buch hast du gerade in dieser Rezension geschrieben. Und wieder so schön ins Schwarze treffend! 😀

    Ich liebe das Buch. Wie du schon sagst: „Ninas Geschichte war für mich etwas ganz Neues.“
    So habe ich das auch empfunden. Es passiert echt selten, dass ich im Vorfeld ein Buch so für mich anhimmel und diese Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern neu definiert werden und es einfach genial ist.

    Es ist gute, junge deutsche Literatur, die den Leser berührt, aber sich gleichzeitig nicht todernst nimmst (welch Ironie!). Ich feier das Buch so richtig. Und ich freu mich schon auf ganz viele andere Rezensionen und begeisterte Leser. Ich verlange (!), dass du mindestens einmal pro Tag einem Kunden dieses Buch empfiehlst. Die Autorin muss mehr veröffentlichen!

    Liebste Grüße
    Rebecca

    • Meine liebste Rebecca,
      ich freue mich so sehr über deinen wunderbaren Kommentar. 😀 Danke dafür! Ich immer noch ganz hin und weg. Es ist einfach ein so schönes Gefühl, wenn man sich für das gleiche Buch begeistern kann. Das verbindet. 😉 Ich habe zwar keine großen Erwartungen an das Buch gehabt, aber dafür wurde ich wirklich unheimlich überrascht.
      Ich freue mich schon drauf endlich das Interview mit der Autorin online zu bringen. 😀

      Liebst, Lotta

  2. Hallo Lotta,
    das macht ja tatsächlich Lust auf das Buch! Ich habe bisher einen Bogen darum gemacht, eben weil ich kein weiteres Buch mehr zur Krebs-Thematik lesen möchte (finde es schon schlimm genug, mich im echten Leben damit auseinandersetzen zu müssen). Was du schilderst, klingt aber tatsächlich so, als sollte ich meine Meinung noch einmal überdenken.
    Viele Grüße!

    • Liebe Inga,
      ich freue mich, dass ich dir Lust auf das Buch machen konnte. 😀 Denn genau das wollte ich auch mit meiner Rezension bewirken. Ich wollte darauf aufmerksam machen, dass dieses Buch etwas Besonderes ist, das man unbedingt lesen sollte. Es ist ein so richtiges Mutmachbuch. Ich habe es geliebt. Bin neugierig, ob es vielleicht schon bei dir einziehen durfte. 😀

      Liebst, Lotta

  3. Schöne Rezension, aber ich hab auch nichts anderes erwartet 🙂 Danke nochmal, dass du mich auf das Buch aufmerksam gemacht hast – wenn auch unbewusst^^ Ich hab meine Rezension für Mittwoch geplant und deine sowie Rebeccas Rezension verlinkt – ich hoffe das ist in Ordnung =)

    Ansonsten freue ich mich schon auf das Interview =)
    Liebe Grüße,
    Yvonne

    • Liebste Yvonne,
      ich freue mich, dass du durch mich auf dieses Buch gekommen bist. Ich bin selbst durch meine liebste Rowohlt Verlagsmitarbeiterin drauf aufmerksam geworden und bin ihr sehr dankbar, dass sie es mir empfohlen hat. 🙂

      Ich versuche das Interview jetzt endlich mal online zu bringen. Das schleift hier echt. 😉
      & Vielen lieben Dank, dass du meine Rezension bei dir verlinkt hast.

      Liebst, Lotta

  4. Bei mir war es genau so, wie du am Anfang geschrieben hast. Ich hab im Klappentext nur gelesen, dass es wieder „so ein Krebsbuch“ ist und mich dann gar nicht mehr näher damit beschäftigt. Aber deine Rezension klingt ja so super und macht wirklich Lust auf dieses Buch. Jetzt will ich es auch lesen. Und zwar sofort! 😀
    Liebe Grüße,
    Julia

    • Liebe Julia,
      ich hoffe, dass du dir das Buch zugelegt hast? 😀 Ich habe es nämlich wirklich unheimlich geliebt. Demnächst soll hier noch das Interview mit der Autorin online kommen, wenn ich mich mal wieder dazu bewegen kann etwas zu schreiben. Ich hoffe, dass es bald wieder fließt.
      Vielleicht durfte es dich ja auch schon mitreißen? Erzähl mir davon.

      Liebst, Lotta

  5. Liebste Lotta,

    wow, das Buch wirkt so voller Gefühl und scheint wirklich tiefsinnig zu sein. Ich glaube, ich muss mich noch mal mehr damit beschäftigen. Danke für die tolle Rezension!

    Liebste Grüße,
    Tati

    • Liebste Tati,
      dieses Buch ist wirklich wunderbar. Ich hätte ehrlich gesagt vor dem Lesen gar nicht so viel erwartet, aber das sollte man. Es ist wunderbar. Am liebsten würde ich das Buch jedem in die Hand drücken. 😀 Vor allem, nachdem ich auch die Autorin kennengelernt habe. 😉

      Liebst, Lotta

  6. Hallo Lotta,

    der erste Satz ist wirklich frappierend. Ja, in Krankenhäusern ist sehr viel van Gogh zu sehen. Vielleicht weil diese Bilder so von der Sehnsucht nach Sonne, Wärme, Freude und Leben überquellen. Also ich vor einiger Zeit zur Kur war, da waren sie auch wieder, die van Goghs, die wichtigsten Werke als Drucke aufgereiht im Wartebereich der Bäderabteilung der Klinik.

    Danke für den Tipp, den ich mir holen werde,

    • Lieber Ralf,
      ich freue mich, dass dir mein Tipp gefällt und ich hoffe, dass du auch nach dem Lesen noch zufrieden damit bist. 🙂
      Ja, van Gogh hängt tatsächlich in vielen Gesundheitspflege Stätten, egal ob Krankenhaus oder Kureinrichtung. Aber ich glaube auch, dass man diese Bilder irgendwann satt hat. ^^

      Liebst, Lotta

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