Rezension

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Ein Leben mehr

Die alte Dame mit dem luftigen Haar und den Fingern wie Spitzendecken wirkte zerbrechlich wie ein Vögelchen. Er hatte das Gefühl, er müsse nur einmal fest pusten und das Vögelchen würde von seinem Holzklotz fallen. Dieser Gedanke erschreckte ihn. Er wollte das Vögelchen nicht umpusten, er wollte es lieber zurück in sein Nest setzen. Dieser Gedanke erschreckte ihn noch mehr.

Über das Buch
Insel Verlag | 192 Seiten | erschienen: 08/2015 | Originaltitel: Il pleuvait des oiseaux 
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Dies ist die Geschichte von drei alten Männern, die sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben. Von drei Männern, die die Freiheit lieben. Eines Tages aber ist es mit ihrer Einsiedelei vorbei. Zuerst stößt eine Fotografin zu ihnen, sie sucht nach einem der letzten Überlebenden der Großen Brände, einem gewissen Boychuck. Kurze Zeit später taucht Marie-Desneiges auf, eine eigensinnige, zierliche Dame von achtzig Jahren. Die Frauen bleiben. Und während sie dem Rätsel um Boychucks Überleben nachgehen, entsteht etwas unter diesen Menschen, das niemand für möglich gehalten hätte.


 

Meine Meinung

Wie dieses Buch in mein Leben trat

Vor einer Weile habe ich eine Person kennengelernt, die mir sehr wichtig ist, und ich wollte unbedingt etwas lesen, was dieser Person gut gefallen hat. Ich wollte wissen, was die Person begeistern kann und was für sie ein gutes Buch ausmacht. Also habe ich nach gefragt und mir wurde unter anderem „Ein Leben mehr“ von Joycelyn Saucier empfohlen. Normalerweise entspricht das Buch nicht unbedingt meinem Lesegeschmack, aber ich wollte es trotzdem lesen. Und jetzt bin ich so froh darüber, dass ich es getan habe.

Wie das Leben so spielt

In dem Buch geht es hauptsächlich um das Leben von sechs Menschen, die der Zufall und die Zeit zusammen bringt. Es fasziniert mich immer wieder, wie die Wege der Menschen miteinander verstrickt sind und wie klein die Welt doch manchmal ist. Und dass man gut miteinander zurecht kommen kann, egal wie jung oder alt man ist und woher man kommt. In dieser Geschichte treffen vollkommen unterschiedliche Charaktere aufeinander, die mich begeistern konnten.

 

Drei ältere Herren leben aus unterschiedlichen Gründen im Wald, um dort ihren Lebensabend zu verbringen, um frei zu leben und frei zu sterben. Ted, der einer von ihnen war, ist verstorben und mit seinem Tod fängt es an, dass sich ihr Leben im Wald verändert. Plötzlich wird ihr ruhiges Leben durcheinander gebracht und Gefühle werden aufgewirbelt. Charlie ist mein Liebling in diesem Buch, denn er ist eigensinnig und ein bisschen launisch, auf jeden Fall ein Gewohnheitsmensch. Im Laufe der Geschichte taut er immer weiter auf, gibt den Dingen eine Chance. Ich habe das Gefühl gehabt, dass er Glück empfindet.

Ein sehr behutsamer Schreibstil

Trotz der behandelten Themen in dem Buch, wie zum Beispiel einem großen Brand bei dem viele Menschen ums Leben gekommen sind und der Ted praktisch zu einer Legende gemacht hat, ist der Schreibstil immer sehr behutsam und bedacht. Selbst schlimme Szenen sind mit positiven Worten geschrieben und werden dadurch abgemildert. Ich habe Ted nicht als den armen Jungen vor Augen gehabt, der seine Familie verloren hat, sondern den Jungen mit dem Willen zu überleben.

Ein Mensch kann alles verändern

Immer wieder treten neue Menschen in unser Leben. Manchmal hinterlassen sie kaum Spuren und manchmal verändert sie einfach alles. Jeder von uns kennt das. Dieser eine Mensch, der alles, was bisher gewesen ist, auf den Kopf stellt. Genau das widerfährt auch den beiden Herren im Wald. Zuerst kommt eine Fotografin in ihr Gebiet und befragt sie bezüglich ihres verstorbenen Freundes und dann kommt eine weitere Person in das Lager und bringt vor allem Charlies Leben gehörig durcheinander. So eine Veränderung kann gut sein oder weh tun, kann Freude bringen oder Traurigkeit, aber vor allem bringt sie einen dazu darüber nachzudenken, was man im Leben will.

Was im Leben zählt

Jeder von uns hat eine Geschichte zu erzählen, die Geschichte seines Lebens und was es ausmacht. Was wirklich im Leben zählt ist sehr wahrscheinlich für jeden etwas Anderes. Für den einen ist es die Liebe und die Nähe zu anderen Menschen, für andere ist es der Beruf und für manch einen ist es die Freiheit zu haben vollkommen selbstbestimmt zu leben und zu sterben. Ich habe beim Lesen so eine Harmonie und Einigkeit zwischen den Menschen, die dort im Wald zusammen gekommen sind gespürt, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren, auch wenn jeder von ihnen etwas Anderes vom Leben erwartet.

 

Fazit

Leseempfehlung

„Ein Leben mehr“ ist ein Buch, wie ich noch kein zweites gelesen habe. Ich hätte erst nicht geglaubt, dass mich die Geschichte von drei alten Herrschaften, die in den Wald ziehen um selbstbestimmt ihr Leben zu führen, so berühren könnte, aber ich habe mich geirrt. Wer bei diesem Buch nichts empfindet, der ist aus Stein. Meiner Meinung nach ein Buch, dass sich wunderbar zum Verschenken eignet.

Welches Buch hat zuletzt nicht in euer Leseschema gepasst und euch trotzdem begeistert?

Eine weitere Meinung zum Buch findet ihr hier: Literaturen

4 Kommentare

  1. Hallöchen liebste Lotta,
    als ich gesehen hab, dass die Rezension von dir ist, hab ich mir gleich gedacht: Aaah, ich weiß, wer ihr das empfohlen hat! 😀
    Dass es dich so begeistern konnte, überrascht mich, weil es, wie du selbst sagst, eigentlich gar nicht in dein Leseschema passt. Andererseits lässt es mich mal wieder darüber nachdenken, ob ich es nicht vielleicht auch mal lesen sollte. Mir wurde von dem Buch ja auch schon vorgeschwärmt 😀
    Ja, vielleicht sollte ich es wagen. Möglicherweise begeistert es mich dann so sehr wie dich.

    Liebste Grüße
    Kate ♥

    • Liebe Kate,
      das ist wohl tatsächlich ein bisschen sehr offensichtlich, wer mir dieses Buch empfohlen hat.
      Weißt du, die Person, die mir dieses Buch empfohlen hat, hat einen sehr sehr guten Buchgeschmack und ich glaube, wenn ich mir einfach mal genug Zeit nehme, um die anderen Bücher zu lesen, die er mir empfohlen hat, werden auch diese mich begeistern.
      Es sind mal ganz andere Bücher, mit anderen Themen als ich bisher gelesen habe und mit einer sehr gewählten und schönen Schreibe.
      Ich finde dieses Buch gehört einfach gelesen, daher schwärme ich mal mit und sage dir, dass du es wirklich ganz unbedingt lesen solltest.
      Manchmal muss man etwas Verrücktes tun. 😉

      Liebst, Lotta

  2. Liebe Lotta,

    eine wundervolle Rezi zu einem großartigen Buch.
    Ich mochte es so sehr, weil ich das Gefühl hatte, dass es irgendetwas mit mir macht. Ich kann gar nicht genau sagen was das ist, aber es hat mich unfassbar berührt.

    Viele liebe Grüße
    Nanni

    • Liebste Nanni,
      ich freue mich sehr, dass dir meine Rezension zu dem Buch gefallen hat. Ich habe es gar nicht mal als so leicht empfunden die richtigen Worte dafür zu finden. Einfach weil es mich so berührt hat. Auf eine ganz andere Art und Weise als alle Bücher, die ich bisher gelesen habe. Es ging uns da anscheinend beiden gleich. Vielleicht geht es ein bisschen um die Freiheit und die Liebe? Das Altwerden? Ich weiß es nicht.
      Jedenfalls großartig.

      Liebst, Lotta

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