Rezension

Sarah Kuttner: Mängelexemplar

Mängelexemplar

So ist er, der ewige Teufelskreis. Wir achten alle nicht genug aufeinander. Wir lassen uns zu schnell von abwinkenden Händen und schiefem Grinsen und schlechten Witzen überreden, dass alles in Ordnung ist. Und glauben, dass alles in Ordnung ist. Bis irgendwann die Seele ihre fünfzehn Minuten Ruhm einfordert, und dann geht nichts mehr. Denn die Seele will mehr als den kleinen Finger. Sie will alles. Und bekommt alles.

Über das Buch
Fischer | 320 Seiten | erschienen: 01/2012
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»Die Psyche ist so viel komplizierter als eine schöne glatte Fraktur des Schädels.«
Karo lebt schnell und flexibel. Sie ist das Musterexemplar unserer Zeit: intelligent, selbstironisch und liebenswert. Als sie ihren Job verliert, ein paar falsche Freunde aussortiert und mutig ihre feige Beziehung beendet, verliert sie auf einmal den Boden unter den Füßen. Plötzlich ist die Angst da. Als auch die cleversten Selbsttäuschungen nicht mehr helfen, tritt sie verzweifelt und mit wütendem Humor ihrer Depression entgegen.


 

Meine Meinung

 

Karo und die Casting-Show

Karo, die Protagonistin der Geschichte, hat es gerade nicht leicht. Sie hat ihren Job verloren und mit ihrem Freund ist sie eigentlich auch nur noch zusammen, weil sie es nicht schafft sich von ihm zu trennen. Das sollte natürlich kein Grund sein, ist es aber nun mal irgendwie doch. Gut geht es Karo also nicht. Daher beschließt sie einfach mal zu Therapie zu gehen und sich dort durchchecken zu lassen. Mal sehen, ob sie verrückt genug ist, um behandelt zu werden. Ihre ganz persönliche Casting-Show.

Ein Mädchen der großen Gefühle

Das ist Karo auf jeden Fall und mit viel Witz und Wortgewalt verleiht Sarah Kuttner ihr dabei eine unglaubliche sympathische Art. Ich habe mich, wie auch in „180 Grad Meer“ wieder so verbunden mit der Protagonistin gefühlt, dass ich manchmal dachte, sie würde über mich schreiben. Das hat mir sehr deutlich gemacht, dass ich nicht die Einzige sein kann, die genau diese Empfindungen hat und die genau solche Gedanken hat und das ist doch unheimlich berühigend. Ganz am Anfang des Buches beschreibt sie beispielsweise, dass man einer geliebten Person eigentlich niemals nah genug sein kann, dass man am liebsten in diese Person reinklettern würde um ihr nah zu sein, dass das nun mal aber nicht geht. Ich kenne dieses Gefühl viel zu gut. Karo ist ungeduldig und übereifrig und alles muss immer gehen und am besten sofort. Ja, ich habe wirklich das Gefühl, dass Sarah Kuttner über mich geschrieben hat.

Der Weg ist das Ziel.

Ich habe beim Lesen nie das gefühl gehabt, dass die Geschichte doch mal zu einem Punkt kommen muss oder mich gefragt, wie es wohl ausgehen wird. Solche Fragen stelle ich mir beim Lesen von Romanen und Krimis sehr häufig, aber nicht so bei „Mängelexemplar“. Ich hatte nicht das Gefühl, dass dieses Buch ein spezielles Ende haben muss oder etwas worauf es sich lohnt hinzufiebern. Der Welt, Karos Leben und alles was damit zusammenhängt, waren die Elemente, die mich an das Buch geklebt haben. Ich wollte gar nicht, dass es endet und wenn es auch vielleicht happyendet. Aber das möchte ich hier gar nicht näher erläutern. Ich wollte Karo einfach nur begleiten.

Die wichtigen Menschen in unserem Leben

Erst, wenn es uns wirklich schlecht geht, merken wir wer die wirklich wichtig Menschen in unserem Leben sind. Sagt man doch so, oder? Und immer wieder bekommt man dies auch von allen Seiten bestätigt. So musste auch Karo die Erfahrung machen, dass es manchmal Menschen sind, auf die man sich verlassen kann, von denen man es zuvor gar nicht vermutet hätte. Auch nicht als Leser. Ich war sehr gerührt davon, dass Karos Mutter sich um sie gekümmert hat, aber Macke haben scheint auch irgendwie zu verbinden. Man versteht sich unter Kaputten. Und dann ist da noch Nelson und vor allem seine Frau Katharina, die ich wirklich bewundert habe, weil sie Nelsons beste Freundin (Karo) einfach so annimmt, ihre Macken akzeptiert und ihr einen Raum im Leben ihres Mannes einräumt. Unglaublich. Diese Frau hat meinen Respekt.

Was bleibt?

Was bliebt ist ein wohl warmes Gefühl, dass mich immer wieder einholt, wenn ich an Karo und ihre Geschichte denke. Dass man eben alles auch schaffen kann, auch wenn man ist wie ich oder wie Karo. Wenn man ein bisschen zu schnell ist in allem und zu viel fühlt. Zu viel in sich hineinhört und sich manchmal selbst belügt. Dass man auch mal kaputt sein darf, wenn man dann versucht wieder heile zu werden. Oh und dass man sich selbst fühlen muss, auch wenn Karo und ich noch nicht ganz verstanden haben wie das funktioniert. Vielleicht finden wir das ja noch irgendwann raus. Bis dahin werde ich einfach versuchen zu genießen.. und was Karo macht .. ja, das wüsste ich auch gerne.

 

Fazit

Leseempfehlung | Lottas Lieblinge

Ich liebe den Schreibstil von Sarah Kuttner. Ich liebe es, wie authentisch ihre Figuren sind und dass ich sie nach dem Lesen fast ein bisschen vermisse. Von mir bekommt dieses Buch ganz klar eine Leseempfehlung. Jetzt hebe ich mir „Wachstumsschmerz“ solange auf, bis ich wieder einmal in einer Phase bin, in der mich einfach kein Buch begeistern kann, damit Sarah Kuttner mich erneut daraus retten kann. Ich denke, ich habe eine neue Lieblingsautorin.

Fühlt ihr euch auch manchmal wie ein Mängelexemplar?

Eine weitere Meinung zum Buch findet ihr hier: Herzpotenzial

1 Kommentar

  1. Hey Lotta!
    Wenn dir die beiden letzten Romane von Sarah Kuttner so gut gefallen haben, werden dir sicher auch „Acht Wochen verrückt” und ”Kuckucksmädchen” von Eva Lohmann gefallen, kennst du sie schon?
    Liebe Grüße!

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